Hong Kong Godfather

Orignaltitel: 尖東梟雄 (Jian dong Xiaoxiong)     Deutscher Titel:poster
Herstellungsland/-jahr:
Hongkong 1985          Premiere: 27.10.1985
Darsteller: Leung Kar-Yan, Norman Chu Siu-Keung, Richard Cheung Keun, Shum Wai, Wong Chun, Sek Kin, Chui Suk-Woon, Ken Boyle, Johnny Wang Lung-Wei
Crew: 
Johnny Wang Lung-Wei (Drehbuch),  Johnny Wang Lung-Wei (Action)
Regie:
Johnny Wang Lung-Wei
Genre:
Gangsterfilm
FSK/Altersempfehlung: ab 18

1985 war das Ende der Shaw Brothers schon längst besiegelt: andere Studios machten mit ihren Stars Jackie Chan oder Sam Hui Kasse, das Studiosystem, wie es die Shaw Brothers betrieben, war nicht mehr zukunftsträchtig und die Verantwortlichen hatten sich schon längst auf die Produktion von Fernsehserien eingeschossen. Dennoch schaffte es Ende des Jahres ein illuster besetzter und recht aufwendig produzierter Gangsterfilm in die Kinos Hongkongs: Hong Kong Godfather, die zweite Regiearbeit des 1970er-Dauerbösewichts Johnny Wang Lung-Wei.

Boss Han (Sek Kin) ist ein Guter: als Traidenboss lässt er nicht nur die Finger vom Drogenhandel, nein, er ist auch Familienmensch und fürsorglicher Großvater. So liegt ihm besonders das Wohl seiner Enkel am Herzen, für die er binnen zweier Jahre das Gangsterdasein an den Nagel hängen will. Sein Nachfolger soll Playboy Lung (Norman Chu Siu-Keung) werden, einer seiner treuesten Mitstreiter. Der schmierige Chi (Shum Wai), der insgeheim auf den Posten spekuliert hat, fühlt sich übergangen und ziemlich angepisst, weswegen er finster mit dem jüngst aus Amerika eingetroffenen Lan (Wong Chun) konspiriert. Der stellt Chi eine Handvoll finsterer Gesellen an die Seite um den nichtsahnenden Han mitsamt Familie zu meucheln. Der schwer gehörnte Lung kann das natürlich nicht auf sich sitzen lassen und stellt sich mit seinen Freunden – dem Polizisten Lam (Richard Cheung Keun) und dem Gärtner (!) Wei (Leung Kar-Yan) – Lans Schergen entgegen.

Fast ein Jahr vor John Woos Über-Gangsterfilm A better Tomorrow und wenige Monate bevor in den Shaw Studios endgültig die Lichter ausgingen brachte das Studio unter der Regie von Stammdarsteller Johnny Wang Lung-Wei noch dieses finstere, zynische Rachedrama in die Kinos. Vieles erinnert dann auch entfernt an den John Woo-Klassiker, wenngleich Wang, der sich auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, nie die Meisterschaft seines Kollegen erreicht. Alles wirkt ein bisschen weniger stilvoll, ein bisschen sleaziger, obwohl sich bis auf die allgemeine Stimmung und die errputiven Gewaltexzesse, der Sleazefaktor letztendlich in Grenzen hält. Wirft Wang zu Beginn noch allerhand nackte Haut, schmierige Charaktere und reichlich Blut in die Wagschale, ist im Mittelteil ein erstmal Leerlauf angesagt. Dass liegt vor allem daran, dass die Story, die immer wieder von kleineren und größeren, blutigen Actionszenen aufgelockert wird, lange Zeit nicht wirklich zu Potte kommt und teilweise ziemlich geschwätzig geraten ist. Wang verliert auch des Öfteren den Fokus aus den Augen, indem er unwichtige Nebenhandlungen aufgreift, die er aber dann auch wieder genauso plötzlich fallen lässt. Zu allem Überfluss bekommt Lung dann auch eine unnötige Liebesgeschichte auf die Lockenpracht geschrieben – immerhin bekommt die hübsche Chui Suk-Woon so an ein wenig Screen-Time.

Auch die übrigen Rollen sind ganz passend besetzt: Norman Chu Siu-keung trägt seinen Mini Pli mit einer gewissen Würde, ist als Playboy aber zu sehr auf seinen Boss fixiert, lässt er doch die willige Chui Suk-won ohne Höschen in seinem Bett zurück um seinem Paten zu Hilfe zu eilen. Trotzalledem kann Chu in den Grenzen seiner Rolle überzeugen. Als Polizist mit Verbindungen zum organisierten Verbrechen erweist sich Richard Cheung Keun als Idealbesetzung, schafft er es doch in das blutige Spektakel eine gewisse Wärme zu bringen. Sein Charakter ist dann auch klar der sympatischste dieses Triumvirats und des gesamten Filmes. Der Shaw-erprobte Leung Kar-yan wird als ausgestiegener Gangster mit grünem Daumen und Vater von dramatischeren Szenen immer mal wieder in die Schranken seiner mimischen Fähigkeiten gewiesen, kann aber mit seinem Charisma und seiner Präsenz in den Kampfszenen punkten. Darum geht ja auch schlussendlich in einem Film wie diesem. Unter die Nebendarsteller gesellt sich neben dem aus Bruce Lees Enter the Dragon bekannten Sek Kin, der in Hong Kong Godfather erstaunlicherweise auch Han heißt, der ewige Nebendarsteller Shum Wai, der den schmierigen, intriganten Schleimsack mit viel Gusto zum Besten gibt. Auch Wong Chun kann als großkotziger sino-amerikanischer Gangster mit großen Ambitionen überzeugen.

Kommen wir zu dem Punkt, der wohl die meisten Leser interessieren wird: die Action. Die ist solide, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wang, der auch diesen Part am Set übernommen hat, liefert ansprechende Arbeit, ohne jedoch Yuen Woo-ping, Sammo Hung oder Jackie Chan, die schon Jahre zuvor Überzeugenderes geliefert haben, ernsthaft nahe zu kommen. Die typischen Shaw-Choreographien, das wilde Gedresche mit Messern, Rohren, Knüppeln, Äxten und Sägen ist zwar sehr, sehr, sehr blutig geworden, doch es fehlt das Körperliche, das wirklich Schmerzhafte, das die Stürze, Tritte und Schläge der Konkurrenz ausmachen. Trotz aller Brutalitäten, und davon gibt es einige, wirkt die Action zu tänzerisch, zu durchchoreographiert – organisiertes Chaos sozusagen. Dafür gibt es alle paar Minuten eine neue Actionszene zu bewundern, die aufgrund der verschiendenen Schlag- und Stichwaffen ganz abwechslungsreich geraten sind und teilweise sehr martialisch geraten sind, wenn Leung Kar-yan beispielsweise unter Zuhilfenahme seines Gegners die Wand seiner Gärtnerei einreißt.  Gorehounds dürfen sich zudem über sprudelnde Blutfontänen, abgetrennte Gliedmaßen und nicht totzukriegende Helden freuen. Das Finale in einem mehrstöckigen Einkaufszentrum ist dann auch der Höhepunkt des Filmes und lässt schon auch einige wenige Einflüsse des Yuen-, Hung- und Chan-Klans erkennen.

Abschließend kann man sagen, dass Hong Kong Godfather, eine der letzten größeren Produktionen der Shaw Brothers, letzlich gelungene, harte Unterhaltung zu bieten hat. Dramaturgisch ist er vielleicht etwas uneinheitlich geraten, actionmäßig war er schon damals ein wenig angestaubt und mit den großen Klassikern der Shaw Brothers wird er sich niemals messen können, doch ist Jimmy Wang Lung-Weis Film ziemlich unterhaltsam geraten. Das liegt zum Einen an den soliden Darstellern und der hohen Schlagzahl der Actionszenen. Genrefans lassen sich den Film sowieso nicht entgehen.

Spezielles:
– Der einführende Shot von New Yorks Chinatown ist offensichtlich ein Modell
– Mad Wei (Leug Kar-yan) hat einen sehr kluges kleines Hündchen
– Playboy Lungs (Norman Chu Siu-keung) Kleidung und Frisur sind sehr speziell

Brutales:
– Mit Messern und Macheten kann man ganz schön fies sein
– Boss Hans Enkel wird von Lans Killer kurzerhand durch die Terrassentür geworfen
– Sergeant Lam (Richard Cheung Keun) packt im Finale die Säge aus

Die DVD:
Die US-DVD von Funimation enthält einen sauberen, ordentlich restaurierten Transfer im anamorphen Originalformat von 1,85:1. Das Bild ist stellenweise etwas weich, doch ist die Schärfe im Allgemeinen, auch in Totalen, auf angenehmen Niveau, Nachzieheffekte, Kantenflimmern oder andere Mankos sucht mach vergebens. Die Kompression arbeitet unauffällig.
Der kantonesische Ton in Stereo klingt ein wenig übersteuert, kann aber insgesamt überzeugen. Räumlichkeit ist zwar nicht gegeben, Stimmen, Geräusche und Musik sind aber gut abgemischt. Optional stehen gut getimte und übersetzte englische Untertitel zur Verfügung.
Im Bonusbereich muss man leider Abstriche machen: lediglich acht Trailer zu anderen Veröffentlichungen des Labels stehen zur Wahl, zudem ist die Zusammenstellung sehr willkürlich geraten. Am überzeugendsten ist dann noch der Shaw-Trailer geraten, den man vor dem Hauptmenü genießen darf.
Insgesamt eine solide Veröffentlichung, die, auch mangels Alternativen, jedem Fan des Films und der Shaw Brothers ans Herz gelegt sei.

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Boss Han läuft aus

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Mad Wei bringt den Freund seiner Tochter zum Schweigen

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Playboy Lung macht auf Miami Vice

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Rotten Chi pfeift aus dem letzten Loch

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Playboy Lung bei der Arbeit

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American Gangster (Johnny Wang Lung-Wei (rechts))

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Gangster Lan macht auf dicke Hose

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Playboy Lung ist ganz schön angepisst

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Mad Wei dürstet nach Rache

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Connie (Chui Suk-Woon) hat den Mann ihrer Träume gefunden

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Ken Boyle (als Police Commissioner) zeigt große Schauspielkunst

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Mad Wei, Sergeant Lam und Playboy Lung wollen nur spielen

©Text: shaw scope    ©Bilder: Funimation/Celestial

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