The Shadow Boxer

ImageOrignaltitel: 太極拳 (Taiqi Quan)                          Deutscher Titel:
Herstellungsland/-jahr: Hongkong 1974      Premiere: 07.03.1974
Darsteller:
Chen Wo-Fu, Wai Wong, Shih Szu, Chan Shen, Cheng Miu
Crew: Ni Kuang (Drehbuch), Yuen Wo-Ping, Chen Tin-Hung (Action)
Regie:
Pao Hsueh-Li
Genre: Action-Drama
FSK/Altersempfehlung: ab 16

Anfang der 1970er Jahre verlor das Publikum Hongkongs langsam das Interesse an kunstvollen, klassischen Schwertkampffilmen und verlangte nach realistischerer, härterer Kost. Ausschlaggebend hierfür waren zwei Filme eines gewissen Bruce Lee, The Big Boss (Die Todesfaust des Cheng Li) und Fist of Fury (Todesgrüße aus Shanghai), die sich durch den schnellen, naturalistischen und schnörkellosen Kampfstil Lees auszeichneten. Beide Filme wurden Hits und das Filmstudio Golden Harvest ein ernstzunehmender Konkurrent für die Shaw Brothers. Ein neuer Stil wurde schnell gefunden: Chang Chehs blutige Gewaltopern erwiesen sich als gewinnbringende Kassenschlager, dennoch musste man einen Star finden, der es mit Bruce Lees immenser Leinwandpräsenz aufnehmen konnte und ihm in gewisser Weise ähnelte.
In The Shadowboxer ist Chen Wo-Fus Ähnlichkeit zu Bruce Lee mehr als offensichtlich, Mimik, Gestik und nicht zuletzt das markante Gesicht des Tai-Chi-Kämpfers und Kampfsport-Champions weisen vielfältige Parallelen zu Lee auf. Nicht nur das, auch Chen Wo-Fus Filmkarriere endete tragisch, noch ehe sie richtig begonnen hatte: der Schauspieler, der in The Shadow Boxer seine erste Hauptrolle spielte, nahm sich noch vor der Premiere des Films das Leben.

Auf der Baustelle der Familie Jin herrscht Terror und Unterdrückung. Die Arbeiter müssen sich den Launen der Vorarbeiter widerstandslos fügen, Schikanen hinnehmen oder Prügel einstecken. Zu ihnen zählt auch der junge Ku Ding (Chen Wo-Fu), Tai-Chi-Kämpfer und überzeugter Pazifist, der alle Repressalien und auch Schläge wortlos hinnimmt. Selbst als der jüngste Spr0ss der Familie (Wai Wong) Ku Dings Freundin vergewaltigt und seinen Meister umbringen lässt sieht der junge Mann sich nicht genötigt zu handeln. Erst die Tochter seines Meisters (Shih Szu) kann ihn überzeugen, sich an den Verbrechern zu rächen.

 

The Shadow Boxer wirkt über weite Strecken wie eine unstete Mischung der oben bereits erwähnten Bruce Lee-Klassiker The Big Boss und Fist of Fury. Die unterdrückten Arbeiter, der ermordete Meister, die verbrecherischen Bosse, das Setting in den Jahren der chinesischen Republik, dezente, aber effektiv eingesetzte Zeitlupen und dazwischen BruceL ee-Doppelgänger Chen Wo-Fu. Lediglich in einer Nuance unterscheidet sich der Film von seinen Vorbildern gravierend: der Held Ku Ding ist überzeugter Pazifist. Und genau hierin liegt dann auch das eigentliche Problem des Films. Erst im Finale darf der junge Tai-Chi-Meister sein Können unter Beweis stellen, erst im Finale bekommen wir wirklich etwas vom richtien Schattenboxen zu sehen. Dazwischen sorgen andere für Action, zwar durchaus unterhaltsam, jedoch heben sich diese Actionszenen kaum von den üblichen, oft etwas verkrampft und statisch wirkenden Kampfchoreographien anderer Filme der Shaw Brothers ab. Es geht vielleicht ein wenig rauer, ein wenig brutaler – nicht unbedingt blutiger – zu, aber an die Choreographien eines Bruce Lee kommen sie alle nicht heran.
Ku Dings Figur leidet spürbar unter dem ihn auferlegten Pazifismus. Als Zuschauer fragt man sich, wie geduldig dieser Mensch sein kann, wie lange es dauert, bis er endlich einmal auf den Tisch, beziehungsweise in die Magengrube eines Gegners haut. In vielen Szenen reichlich naiv und unbeholfen wirkend, verkommt Ku Ding nach wenigen Minuten bereits zur Nebenfigur, zwar ist er durchaus präsent, die Handlung und die Action werden aber von anderen Akteuren vorangetrieben. Hier hätte der Fokus mehr auf dem titelgebenden Schattenboxer liegen müssen. Denn Chan Wo-Fu besitzt durchaus Charisma, aber wie so oft bei den Shaw Brothers, wird ein vielversprechendes Talent in seinem ersten großen Film mit einer eher undankbaren Rolle abgestraft. Die übrigen Darsteller sind solide, stechen jedoch kaum hervor. Shih Szu, die nie ein wirklicher Star des Studios wurde, ist als aufbrausende Kampf-Amazone ganz süß und Wai Wong gibt gekonnt unsympathisch den arroganten, sadistischen Schnösel.
Dennoch vermag der Film zu unterhalten, was vor allem an Pao Hsueh-Lis adequater Inszenierung und dem hohen Tempo liegt. Es gibt viele Kämpfe, finstere Intrigen und auch ein wenig nackte Haut. Die knackig kurze Laufzeit schmeichelt dem Film ebenso, wie das für die Shaw Brothers unverbrauchte Setting, das erst gegen Ende offensichtiliche und recht unnötige Studioaufnahmen präsentiert. Davor gibt es sehr atmosphärische Naturaufnhame der Küste Hongkongs, die man bei den Shaws doch recht selten zu Gesicht bekommt. Pao mag bei all dem zwar nicht unbedingt kreativ zu Werke gehen, aber gut geklaut ist immernoch besser, als schlecht neu erfunden.
The Shadow Boxer mag sicherlich kein großer Klassiker des Genres sein, ist aber dennoch sehenswert und durchaus unterhaltsam, sei es als Beginn und Ende einer vielversprechenden Schauspielkarriere, als eher ungewöhnlicher Genrevertreter der Shaw Brothers oder als freches Plagiat.

Die DVD: Deltamac/Celestial (Taiwan, Code 3, DVD9), ungeschnitten.

Bild: Das Bild wird im anamorphen Originalformat von 2,35:1 präsentiert, bietet kräftige Farben und eine gute Schärfe mit vielen Details. Lediglich in einigen schlecht beleuchteten Studioaufnahmen lässt die Schärfe nach und das Bild wirkt insgesamt ein wenig verwaschen. Die Kompression arbeitet unauffällig, Kratzer und andere Schäden im Filmmaterial treten nicht auf.
Ton: Wie so häufig handelt es sich auch hier um einen neuen 5.1-Mix in Dolby Digital, der um neue Geräusche ergänzt wurde. Räumlichkeit ist jedoch nur selten gegeben. Weiterhin wurden in einigen Szenen die Dialoge zu leise abgemischt. Als einzige Sprachoption liegt die Originalsynchronisation (der Film wurde ohne Set-Ton gedreht) in Mandarin vor.
Untertitel: Die optionalen englischen Untertitel sind leicht verständlich und ohne nennenswerte grammatikalischen Fehler. Das Timing stimmt. Weiterhin liegen Untertitel in traditionellem Chinesisch, Malayisch und Indonesisch vor.
Extras: Das Bonusmaterial umfasst nur Standardware: neben einem neu geschnittenen Trailer zum Hauptfilm (mit optionalen englischen Untertiteln), liegen vier weitere Werbetrailer (ebenfalls untertitelt) zu anderen Filmen vor. Als Movie Information erwarten uns zwei Bildergalerien – einmal mit Hinter-den-Kulissen-Material und wenig informativen Texten, einmal unkommentiert, mit Bildern aus dem Film -, eine Bildseite mit dem Originalposter, der als Produktionsnotiz deklarierte Covertext und knappe Bio- und Filmographien zu Chen Wo-Fu, Wai Wong, Shih Szu und Regisseur Pao Hsueh-Li, jeweils in Englisch oder traditionellem Chinesisch.

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©Text: shaw scope    ©Bilder: Deltamac/Celestial